Das Antlitz des alten Mannes spiegelte sich auf der Oberfläche des Sees. Er saß an der Spitze eines hölzernen Steges und blickte auf die Gebirgskette am anderen Ufer des Sees, in der die rote Sonne zu versinken schien. Es war ein milder Spätsommerabend. Auf den Mann wirkte das Spiegelbild der samtroten Landschaft wie ein Fenster zu einer anderen, längst vergessenen Welt, wie ein Tor zu einem früheren Selbst, für das er einst den Schlüssel verloren hatte. Oft hatte er sich gefragt, was er hätte anders machen müssen, um seinem Leben eine andere Wendung zu geben. All diese Fragen waren unbeantwortet geblieben. Gedankenverloren zündete der Mann sich ein Zigarette an. Auch so ein Laster, das er sich nicht hatte abgewöhnen können. Wie der feine Rauch, den er ausatmete, so hatten sich die Werte, denen er sein Leben gewidmet hatte, als wenig beständig erwiesen. Übrig geblieben war die Erkenntnis, wenig richtig gemacht zu haben. Waren es Selbstmitleid, Selbsthass, Verachtung, in denen er versank? Er wusste es nicht und offengestanden war es ihm egal. Inzwischen war er nicht mehr als die Hülle eines Menschen, nicht einmal stark genug, seiner unwürdigen Existenz ein Ende zu setzten. Jener alte Mann lebte in einer Hütte am See, die deutlich bessere Tage gesehen hatte. Auch wenn sie nicht mehr als zwei Zimmern Raum gab, fühlte er sich in ihr verloren. Ihr Besitzer hatte nicht immer hier gelebt, doch in Erwartung des baldigen Todes war er aus der Stadt gekommen, um sich von den Fesseln seiner Vergangenheit zu befreien. Eben jener ersehnter Frieden ließ zu lange schon auf sich warten. Die Hütte verfiel und blieb doch ein unüberwindbares Gefängnis, in das er sich aus freien Stücken begeben hatte. Das Leben war ihm schon lange zu einer Strafe geworden, die er stillschweigend, voller Todessehnsucht, erlitt. Der alte Mann beobachtete gedankenverloren, wie Blätter, von ersten Herbstwinden den Bäumen entrissen und auf die Oberfläche des Sees getragen wurden. Für einen Augenblick schien es, als würde der Spiegel in Stücke gerissen und er könnte in seine eigene Vergangenheit schauen. Als erster seiner Familie war es ihm möglich gewesen zu studieren, doch anstelle des Studiums hatte er sich Alkohol und Frauen gewidmet und den Blick für das Wesentliche verloren. Wehmütig folgte sein Blick den ersten Vogelschwärmen, deren Tage hier gezählt waren und die gen Süden zogen. Als er älter wurde, verließen ihn die Jasager und Opportunisten, für die er einst seine Familie und Freunde verraten hatte. Die Sonne war nun fast vollständig hinter den Hügeln versunken, und er merkte, dass er an diesem Tag nicht in die Hütte zurückkehren würde. Mit dem Licht der roten Sonne wich auch die Kraft aus seinen Glieder. Mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen lies er seinen Blick über die vor ihm liegende Landschaft wandern. Die Berge am Horizont erschienen ihm weicher und der See friedlicher. Er meinte zu spüren, wie die Luft, obwohl windstill, kühler wurde und dennoch erfüllte ihn eine gleichmäßige Wärme. Oft hatte er über das Sterben sinniert, doch nie hätte er erwartet, dass er in seinen letzten Zügen an einen Rocksong der siebziger Jahre denken würde – ,,You can check-out any time you like, But you can never leave!“ – und der alte Mann schlief ein, während die Dunkelheit ihn und die Hütte langsam verschluckte.
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Dunkelheit
Es ist Nacht, eine verlassene Straße, irgendwo im Nichts. Geräusche, die man im Licht des Tages nicht wahrnehmen würde, das Rascheln des Laubes, ein Hundebellen, irgendwo in der Ferne. Es ist einsam in der Dunkelheit und doch spürt er ein vertrautes Gefühl, etwas, das ihn mit ihr verbindet. Er braucht die Melancholie der Nacht, um loszulassen. Der Stress des Tages, der Druck der Zeit, all das fällt von ihm ab, wenn er das Tor zur Nacht öffnet und hineintritt in die Dunkelheit. Es ist die Hoffnung auf Freiheit, die ihn hinauszieht. Nicht Freiheit von den Herrschenden oder den Regeln seiner Welt, es ist die Sehnsucht, nach dem Ende und dem Neuanfang. Alpha und Omega. Selten kann er sich am folgenden Tag daran erinnern, was er dachte, was er tat, in der Nacht zuvor. Doch immer sehnt er sich nach der nächsten, vielleicht der letzten Nacht. Die Nacht ist sein Hotel Carlifornia, in das er einst einkehrte, müde, verzweifelt, unwissend, ob der Bedeutsamkeit jenen Momentes. Sie ist sein Stairway to Heaven, der Weg zur Erlösung, so hofft er. Tags wachsen die Zweifel, die die Dämmerung betäubt und die Nacht erstickt. Er ahnt, dass er der Dunkelheit nicht mehr entfliehen kann, dass er sich an sie gebunden hat – gefesselt, um Freiheit zu finden. An sie ausgeliefert, um den Schein der Unabhängigkeit zu wahren. Manchen Momenten eines klaren Verstandes beraubt, sucht er im nächsten Augenblick nach dem Schlüssel seines Kerkers. Ein Reisender auf der Suche nach sich selbst, ein Ausbrecher auf der Flucht vor sich selbst. Just wenn er das Licht zu sehen vermag, taumelt er tiefer in die Dunkelheit, zerissen von Freude, Trauer, Wut, versunken in den Wünschen von einst und den verlebten Erinnerungen von morgen. Gefangener seines eigenen Verlangens.
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